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Leben und Arbeiten wachsen zusammen

23.06.2014 – Auch in Zukunft muss viel Arbeit "erledigt" werden - sie lässt sich jedoch von jedem Ort der Welt ausführen. Für Wissensarbeiter gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich positive Lebens- und Arbeitsbedingungen nach eigenen Vorstellungen zu schaffen. Das ist ein Privileg. Wollen Unternehmen leistungsfördernde Arbeitsumgebungen und gute Mitarbeiter binden, müssen wir uns mit Sinn beschäftigen. Wann ist genug genug? Sind wir in unseren Entscheidungen wirklich frei, wenn Arbeit nur dann als wertvoll angesehen wird, wenn sie mit viel Mühe und Anstrengung realisiert wurde und gut bezahlt ist?

Als junger Mensch arbeitete ich in Branchen, die sehr stark durch Überstunden gekennzeichnet sind – wie z.B. der Werbung, in Startups und in der Musikbranche. Da gehört es zum guten Ton, den gesamten Tag bei der Arbeit zu verbringen – auch gern mal am Wochenende. Ich war in den ersten Jahren so begeistert, dass ich dieses Konzept nicht hinterfragte. Doch irgendwann stellte ich mir die Sinnfrage. Ich fing an, meine Arbeitswelt kritisch zu begutachten. Ich entwickelte obendrein Ärger und Verständnislosigkeit dafür, wie Mitarbeiter ausgenutzt werden – und sich ausnutzen lassen. Es gilt als selbstverständlich, dass Unternehmen für sich das beste wirtschaftliche Ergebnis erzielen wollen. Vorsicht! Wir dürfen dabei den Mensch nicht aus den Augen verlieren.

Heute beschäftige ich mich intensiv damit, wie uns die Digitalisierung in der Arbeitswelt in der Zukunft beeinflusst. Was bedeutet die Always-On-Mentalität für Arbeitnehmer und Arbeitgeber? Mal ehrlich: Welcher Chef glaubt ernsthaft, dass sein Mitarbeiter (vor allem nach Wochen eines solchen Marathons) 10 Stunden am Tag produktiv ist? Und doch scheint es ein ungeschriebenes Gesetz, nur am Arbeitsplatz könnten wir effizient arbeiten. Ja, wir leben quasi am Schreibtisch – “der Kunde könnte sich ja melden”. Sport? “Nein, nein, ich hab’ leider zu tun, das muss wirklich noch fertig werden.”

Wie schaffen wir es vom 9-to-5-Anwesenheits-Denken hin zu einer Ergebniskultur? Leben und Arbeiten gehören zusammen, schon weil Arbeit einen sehr großen Stellenwert im Leben einnimmt – bei den meisten von uns ja ein Drittel des Tages. Da empfinde ich es als wichtig, dass mich Berufstätigkeit mit Sinn erfüllt, dass ich Spaß habe bei dem, was ich tue und immer wieder Neues lernen kann. So lange “Präsentismus” und ausschließlich materielle Anreize unsere Arbeitswelt dominieren, sind flexible Arbeitszeiten und Sinn keine echte freie Wahl.

Als Gründerin hat die Arbeit für mich eine große Bedeutung. Meine Erwerbstätigkeit ist sinnvoll. In meinen Entscheidungen fühle ich mich frei. Durch meine Vergangenheit dachte ich zu Beginn unserer Gründung sehr in „Angestellten“-Strukturen. Heute weiß ich, als freiberufliche Wissensarbeiterin ist es wichtig, dem Tag eine Struktur zu geben – auch wenn wir lieber im Café sitzen oder arbeiten möchten, wann wir wollen. Als Selbständige ist es keine leichte Übung, meine Arbeitszeiten zu finden. Der Erfolgsdruck ist hoch – schließlich lebe ich vom unternehmerischen Risiko.

Ich profitiere jedoch von einer hohen Freiheit und dem selbstbestimmten Gestaltungsspielraum. Zum Beispiel gibt es nachmittags jetzt häufig auch mal ein Nickerchen. Das sorgt dafür, dass die zweite Tageshälfte wesentlich produktiver verläuft. Beim Sport lese ich auch mal Tweets und E-Mails. Solche Freiräume führen für mich dazu, dass die Trennung zwischen Arbeits- und Lebenswelt immer mehr verschwimmen, weil eine Abgrenzung auch schwierig wäre.

Die Annehmlichkeiten einer Arbeitswelt, in der Arbeit und Leben immer mehr zusammenwachsen, sehe ich aber auch kritisch. Nämlich dort, wo die Arbeit anfängt, Familie und Freunde zu ersetzen. Wie kommen wir weg von unserem Leistungsdenken, das heute in der Burnout-Medaille gipfelt? Denn bei all der (sinnerfüllten) Arbeit: Wie lernen wir, auch mal wieder richtig faul zu sein? ;) Und wie können wir Unternehmen vermitteln, dass sich das ganz großartig auf die Kreativität ihrer Mitarbeiter und Dienstleister auswirkt?

Nadine Dannert

Weiterlesen: Zum Profil von Nadine Dannert – Impulsgeberin unserer Initiative Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft und Teilgeberin des EnjoyWorkCamps Stuttgart 2014.

Lesenswert ist hierzu auch Nadines Blogbeitrag „Marionette im “Firmen-Kasperletheater”.

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