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Die Bremsen lösen

26.04.2017 – Was bedeutet es, Menschlichkeit in Geschäftsbeziehungen einzuladen? Was wird möglich, öffnen wir uns für einander? "Indem wir einander an Wegkreuzungen begegnen, gemeinsam neue Wege gehen und miteinander lernen, finden wir Lösungen, die wir zuvor für undenkbar hielten. Da geht es um mehr als nur Freude an der Arbeit: Ich glaube, es ist die Voraussetzung, dass ich mit meinem Leben zufrieden sein kann, wenn es mal vorüber ist." Ich sprach mit dem Ingenieur und Unternehmer Dr. Ivo Mersiowsky über Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft, über seine eigenen Herausforderungen und wie er sie meisterte.

“Aktuell bringe ich mit Pionieren aus dem Fensterbau ein Innovationsforum auf den Weg: Das Produkt ‘Fenster’ war bislang Musterbeispiel für einen stetigen Innovationsprozess. Nun steckt es im Preiswettbewerb fest. Wir wollen herausfinden, wie deutsche Mittelständler mit disruptiven Innovationen im Fensterbau zukunftsfähige Hidden Champions werden können. Welche Anforderungen bringen Industrie 4.0 und das digitalisierte Bauen mit sich? Wie lernt heute die Generation Z, Fensterbauer von morgen zu werden? Wie gelingt die Gratwanderung zwischen High-Tech und Handwerk?” Dr. Ivo Mersiowsky

Franziska:


Guten Tag Ivo, herzlich Willkommen bei EnjoyWork.

Du gingst bei uns gleich in die Vollen und brachtest Dich mit einer siebenteiligen Serie ein. Darin beschäftigst Du Dich mit nachhaltigem Unternehmertum – also umweltfreundlichem, sozial verantwortungsvollem, ökonomischem Wirtschaften. Aus Deinem Eingangszitat erfahren wir von Deinem aktuellen Projekt. Auch das ist höchst spannend und Du berichtest uns hoffentlich davon zukünftig mehr. Heute soll es jedoch erst einmal um Dich ganz persönlich gehen. Also um den Mensch, der hinter den Gedanken und Aktionen steht.

Wenn Du mal zusammenfasst, wer Du heute bist. Was wäre das?

Ivo:

:

Das ist gar nicht so einfach. Ich bin Impulsgeber, Katalysator, Potenzialentwickler. Bessere Jobbezeichnungen habe ich nicht gefunden. Zumal wir Menschen viel mehr als nur Positionen sind. Ich bin auch Hamburger. Ingenieur. Meiner Motivational Map-Analyse zufolge arbeite ich gern als Sinnsucher, Kreativer und Freigeist. Am liebsten nehme ich Herausforderungen aus dem Spannungsfeld von Mensch und Produkt an.

Franziska:


Du erwähnst Mensch und Produkt, das bringt uns zum Thema Arbeitswelt. Worin liegt für Dich die Zukunft der Arbeit?

Ivo:


Leben und Arbeiten gehören zusammen, weil der Mensch ein sonderbares Tier ist, das sich seinen Daseinszweck frei wählen darf. Meine Erwerbstätigkeit erfüllt mich mit Sinn und Motivation. Durch sie verleihe ich meinem Tun Bestimmung und Richtung. Arbeiten ist meine Möglichkeit, der Welt etwas zu geben, anstatt nur zu nehmen.

Anfangs dachte ich, mit Ökobilanzen könnte ich die notwendigen Erkenntnisse für ein nachhaltiges Produktmanagement beisteuern. Doch Analysen allein genügten nicht. Jahrelang habe ich mich über dilberteske Manager geärgert: Strategie verkürzten sie auf Umsatz und Gewinn. Die Frage nach dem tieferen Sinn beantworteten sie mit Achselzucken.

Franziska:


Viele Menschen glauben, sich damit abfinden zu müssen. Ich habe dies auch erlebt. Das Denken erzwungenermaßen anderen zu überlassen und mich auf eine Stellenbeschreibung zu reduzieren, stumpfte mich zu einem gewissen Grad ab. Bis ich merkte, dass ich so nicht (bis zur Rente) meine Lebenszeit verbringen möchte. Wie ging es Dir damit?

Ivo:


Ich spürte, wie meine Loyalität gegenüber meinen Arbeit-Gebern schwand. Im Gegenzug begeisterte ich mich für die oft ehrgeizigen Projekte meiner Kunden. Sie wurden zu meinen Sinn-Gebern. Einmal stand ich mit einem Kunden gemeinsam vor Gericht, und wir traten füreinander und für unsere Sache ein. So etwas hatte ich bis dahin nie erlebt. Weil ich die Rolle als Rat-Geber anmaßend fand, wollte ich Impuls-Geber und Katalysator werden. Zwei meiner früheren Chefs sagten mir, ich könne ein Change Agent sein. Beiden war ich zuweilen auch zu ungestüm in meinem Veränderungswillen. Nun unterstütze ich jene, die etwas verändern wollen, die Bremsen zu lösen.

Franziska:


Mir gefällt das Bild der gelösten Bremse. Etwas ins Rollen bringen. Widerstände lösen. Da steckt viel Symbolik in diesem Bild. Was genau ist es für Dich?

Ivo:


Meine Geschäftspartnerin, Uta Bösch, regte mich zur Auseinandersetzung mit meinen eigenen Haltungen und meinem Verständnis vom Lernen an. Das brachte mich weiter. Früher war ich zufrieden, ein braver Schüler zu sein, der meidet, was er nicht kann. Mit über vierzig beschloss ich, Tanzen zu lernen. Etwas, das mich stets mit Angst und Schrecken erfüllt hatte. Professionalität hatte ich mit stirnrunzelndem Ernst verwechselt. Nun forderte ich mich mit Impro-Rollenspiel heraus, weil ich Spielen als Lernen verstand.

Inzwischen gestatte ich mir zu träumen, dass ich als ganzer Mensch in meiner Arbeitswelt wirksam werde. Das bedeutet auch, nicht 80% meines Wesens an der Garderobe abzugeben, um eine professionelle Maske aufzusetzen.

Franziska:


Spüren das auch Deine Geschäftspartner?

Ivo:


Ich stelle fest, dass ich tiefere und produktivere Beziehungen mit Kunden und Partnern entwickle, denen ich mich öffne und die im Gegenzug auch mehr von sich selbst preisgeben. Indem wir einander an Wegkreuzungen begegnen, zusammen neue Wege gehen und miteinander lernen, finden wir Lösungen, die wir zuvor für undenkbar hielten. Da geht es um mehr als nur Freude an der Arbeit: Ich glaube, es ist die Voraussetzung, dass ich mit meinem Leben zufrieden sein kann, wenn es mal vorüber ist.

Ich habe fünf Lebenswelten, die mich inspirieren und mit Energie versorgen: meine Heimat (Hamburg & Tübingen), meine Leidenschaften – Wandern, West-coast Swing-Tanzen und Impro-Rollenspiel – und Quiridium. Quiridium ist meine erste Gründung, eine selbstgestaltete Arbeitswelt, ein verwirklichter Traum: Ich fand meine Geschäftspartnerin, weil wir so angeregt über Führung, Nachhaltigkeit und Lernen diskutierten. Uta und ich beschlossen, daraus ein gemeinsames Unternehmen zu machen.

Franziska:


Du sprachst vorhin vom dilbertschen Unternehmenslenker. Was sind für Euch Führungsinstrumente mit Zukunft?

Ivo:


Wir sind überzeugt, dass Führungskräfte in Anbetracht von Komplexität und schnellem Wandel vor allem einen Kompass, einen Fortschrittsindikator und zuweilen Begleitung auf ihrer Abenteuerreise gebrauchen können. Der Kompass ist ein sinnerfüllter Unternehmenszweck und eine klare Strategie. Der Fortschrittsindikator ist ein Maß für nachhaltige Produktivität, nämlich Kundennutzen pro Ressourcenaufwand.

Unter Kundennutzen verstehe ich durchaus auch einen gesellschaftlichen Beitrag. Ein guter Unternehmenszweck strebt mehr an als nur individuellen Gewinn. Und mit Ressourcen meine ich nicht nur Energie, Rohstoffe und Umweltfaktoren, sondern auch menschliche Kompetenzen und Motivation.

Die aktuellen Diskussionen um digitale Transformation und agile Organisationen zeigen deutlich: inzwischen ist der technologische Wandel schneller als das menschliche Lernen. Wenn wir mit immer neuen Features überperformen, überfordern wir die Kunden und gleichzeitig verschwenden wir dafür unsere begrenzten Ressourcen. Die Balance von Nutzen und Aufwand ist also die zentrale Herausforderung für die nachhaltige Unternehmensführung. Wir können und wir sollten das lernen.

Franziska:


Lieber Ivo, herzlichen Dank für das offene Gespräch. Ich wünsche Uta und Dir viel Erfolg und freue mich, bald hier und drüben via Quiridium von Dir zu hören.

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Dr. Ivo Mersiowsky ist Impulsgeber der Initiative EnjoyWork — Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft und beim EnjoyWorkCamp mit dabei.

Lass Dich inspirieren von den Einblicken in die gelebte Praxis unserer Impulsgeber. Weitere Interviews mit EnjoyWorkern findest Du via Foto- und Film-Reportagen.

Dieser Artikel wurde verschlagwortet mit: Arbeitswelten, Lebenswelten, Arbeit, Leben, Arbeitsleben, Freude, Arbeitsfreude, Unternehmertum, Katalysator, Transformation, Transformationskatalysator, Kreativität, disruptive Geschäftsmodelle, Mensch, Produkt, Sinn



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